Echo online


Kino

20.02.2012 - 14:43 Uhr


Melone und Bärtchen? Klar, Charlie Chaplin. Obwohl seine Filme fast hundert Jahre alt sind, gehört die von ihm erfundene Figur des "Tramp" bis heute zum kollektiven Gedächtnis der Menschheit. Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt widmet dieser "Ikone" der Filmgeschichte jetzt eine Ausstellung.
"Charlie, The Bestseller" sei bewusst keine Ausstellung über Leben und Werk des großen Komödianten, sagte Direktorin Claudia Dillmann bei der Vorbesichtigung am Montag.

Die Ausstellung

"Charlie, The Bestseller", 22. Februar bis 13. Mai, Öffnungszeiten: Dienstag 10 - 18 Uhr, Mittwoch 10 - 20 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 10 - 18 Uhr. Eintritt Sonderausstellung 8 Euro.
Internet: deutsches-filminstitut.de

"Der Fokus liegt darauf, zu zeigen, wie die einzigartige Figur des Tramp Eingang in die Alltagskultur gefunden hat und losgelöst von den Filmen ein eigenständiges Leben führt."
"Absolut verblüffend" findet es Dillmann, wie häufig einem diese Figur bis heute begegne, zum Beispiel in der Werbung, und wie wenige Attribute genügen, um die Figur wiederzuerkennen. Melone, Bärtchen, Stock und Watschelschuhe wurden zu "international vertrauten Piktogrammen".
Der Tramp wurde zum Merchandising-Artikel, lange bevor es diesen Begriff gab. In der Ausstellung stehen unzählige: Kaffeetassen und Eierbecher, Marionetten und Nippesfigürchen, Blechspielzeug und Papieranziehpuppen. Zu sehen sind auch historische Plakate und Bücher. Zu den kuriosesten Exponaten gehört ein als Tramp verkleideter Michael Jackson.
Die Exponate sind Teil einer Privatsammlung, die der Frankfurter Wilhelm Staudinger seit seiner Kindheit zusammengetragen und 2010 dem Deutschen Filminstitut als Dauerleihgabe überlassen hat. Auslöser seiner Sammelwut, berichtete Staudinger am Montag, war "ein Schock".
In einem Magazin musste er lesen, wie Chaplin, der Held seiner Nachkriegskindheit, in den USA "angefeindet, verleumdet und bespitzelt wurde - das hat mein Gerechtigkeitsempfinden nachhaltig erschüttert." Dabei könne man von ihm so viel lernen: "Menschlichkeit, Liebe, Hoffnung, Wahrheit und Würde."
20.02.2012 - 00:09 Uhr


Hier ein Wettbewerb mit Werken über Kindersoldaten, Kindesentführung und Kinderkriminalität, mit französischer Revolution, islamistischem Terror und ungarischem Rassismus; dort eine Jury unter der Leitung von Mike Leigh, dem Meister des britischen Sozialdramas - da konnte man erwarten, dass die Preise der Berliner Filmfestspiele auch für gesellschaftliche Haltung vergeben werden. Und in der Tat kann man die Silbernen Bären für das grausige Bürgerkriegsstück "Rebelle", das Pogromdrama "Just the Wind" und die Studie eines Überwachungsstaates in "Barbara" als jene politischen Botschaften nehmen, mit denen sich die Berlinale-Macher so gern identifizieren.
Der Hauptpreis zeichnet zwar auch Kino aus, das Gesellschaft und Kunst eng zusammenführt, doch der Goldene Bär für die betagten, aber offenbar noch immer sehr munteren Taviani-Brüder Vittorio (82) und Paolo (80) muss verblüffen. Wie in der Parabel "Cesare deve morire" Shakespeare als künstlerischer Bewährungshelfer ins Gefängnis geführt und das Theater als moralische Anstalt verherrlicht wird, das hat sich während des Festivals weder aufgedrängt noch eingeprägt. Man kann diesen Goldenen Bären nur verstehen, wenn man ihn auch als Preis für das Lebenswerk der beiden verdienten Italiener nimmt.
Dass Christian Petzold, zum dritten Mal im Wettbewerb der Festspiele, nun als bester Regisseur ausgezeichnet wird, ließ sich hingegen erwarten. Souverän erzählt er in "Barbara" vom Leben im DDR-Spitzelstaat Anfang der Achtziger: Nina Hoss ist als Ärztin auf dem Weg zur Republikflucht eine Frau, die sich emotional in die innere Emigration zurückgezogen hat. Ihr gleichfalls in die Provinz strafversetzter Klinik-Chef (Ronald Zehrfeld) hat sich hingegen mit Ironie eine Offenheit bewahrt. So wenig beide der sozialistischen Ideologie gewogen sind, so treu sind sie ihrem Beruf. Petzold erzählt diese Geschichte souverän, sucht nicht die Kulisse, sondern das Klima der DDR, zeigt schroffe Leute in freundlichen Landschaften. Ein Bären-Gewinner, auf den sich wohl fast alle einigen konnten.
Mehr erhoffen mochte man für Ursula Meier und ihr Kinderdrama "L’ enfant d’ en haut", das liebevolle Porträt eines kleinen Diebes, der seine Einsamkeit sehr selbstständig meistert. Er wohnt bei der saumseligen Schwester und füllt die Haushaltskasse mit dem Erlös aus dem Verkauf geklauter Ski-Ausrüstungen. Auf halber Strecke des Films tut sich unter dem traurigen Lausbubenstück ein Abgrund aus Vernachlässigung auf. Die junge Franko-Schweizerin Ursula Meier erzählt das auf bestürzende Weise warmherzig. Zur "lobenden Erwähnung" für dieses Nachwuchswerk gab es eine Silber-Bären-Statue - ein nicht vorgesehener Sonderpreis, aber allemal hochverdient.
Mit dem Großen Preis der Jury setzte die Berlinale dann das politische Signal, das zu ihrer Tradition gehört. "Csak a Szél - Just the Wind" des ungarischen Regisseurs Bence Fliegauf ist, überwiegend mit Laiendarstellern gedreht, ein Film über wachsenden Rassismus in Ungarn: Eine Roma-Familie wurde ermordet, und Fliegauf begleitet die Nachbarn, die sich ihre Gefahr nicht eingestehen wollen, während der Zuschauer die wachsende Bedrohung beklemmend spürt. Fliegauf zeigt die kleinen Diskriminierungen im Alltag, die in Gewalt münden, und das ungarische Außenministerium sah sich genötigt, eine Erklärung zu verbreiten, die darauf hinwies, dass es Fremdenfeindlichkeit auch in anderen Ländern gebe, unter anderem in Deutschland. Später veranstaltete sie eine Diskussion unter der reichlich merkwürdigen Überschrift "Roma in Europa und Ungarn - ist das ein Problem?" - was das Problem in Wirklichkeit ist, zeigt Fliegaufs Film ganz ohne erhobenen Zeigefinger, aber mit großem Mitgefühl für die gefährdeten Menschen.
Als besondere künstlerische Leistung erhält der deutsche Kameramann Lutz Reitemeier den Silbernen Bären für das chinesische Geschichtsdrama "Bai Lu Yuan" - eine nachvollziehbare Entscheidung, denn die grandiosen Aufnahmen wogender Weizenfelder schlagen in dämonischer Einfärbung die Stimmung der verzweifelten Geschichte an. Kurios hingegen erscheint die Idee, dem Portugiesen Miguel Gomes ausgerechnet den Alfred-Bauer-Preis zu verleihen. Der würdigt "neue Perspektiven der Filmkunst", während Gomes in seinem Film "Tabu", der in die Kolonialgeschichte seines Landes zurückblendet, gerade eine Hommage an das alte Kino in Schwarzweiß und ohne gesprochene Dialoge versucht: immerhin ein radikales Stilexperiment, das durch die Originalität seiner Ausführung für sich einnehmen könnte, wenn die Geschichte nicht so langatmig erzählt wäre.
Mit gleich zwei Silbernen Bären war der dänische Beitrag "Die Königin und der Leibarzt" Überraschungssieger dieser Berlinale. Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg haben in ihrem preisgekrönten Drehbuch politische und private, überlieferte und erfundene Begebenheiten am Hof Christians VII. geschickt ineinander verwoben. Mikkel Boe Følsgaard, der noch vor dem Abschluss seines Schauspielstudiums steht, zeigt den Monarchen halb als verletzlichen Clown, halb als unglücklichen Reformpolitiker. Wie er den Dänenkönig am Rande des Wahnsinns agieren lässt, eine Marionette seines Kabinetts, gegen dessen Widerstand er mit dem deutschen Arzt Johan Struensee (Mads Mikkelsen) Ideen der Aufklärung durchsetzt, lässt hoffen, dass dieser Film seinen Weg in die Kinos finden wird.

16.02.2012 - 16:10 Uhr


Sechs Mal versucht Vater Schell, seine Lieben daheim zu erreichen. Dann begräbt ihn das einstürzende World Trade Center. Die ersten fünf Anrufe hört Sohn Oscar auf dem Anrufbeantworter ab, beim sechsten verkriecht er sich unter dem Bett. Dieses Grauen ist unerträglich. Noch ein Jahr später lebt der Junge innerlich einsam mit dem geheimen Schuldgefühl, Vaters letzten Gruß nicht erwidert zu haben.
Was wollte der Papa ihm sagen? Was ist sein Vermächtnis? Wo liegt der Sinn? Die bohrende Frage treibt den kleinen Hobby-Forscher dazu, in einem Schlüssel, den er im Nachlass findet, den Schlüssel für all seine Fragen zu sehen. Kinderglaube und wissenschaftliche Akribie treiben Oskar an, die Stadt zu erkunden. Er kartografiert New York, kontaktiert über 400 Menschen, die das Geheimnis kennen könnten.
Drehbuchautor Eric Roth ("Benjamin Button", "Forrest Gump") hat aus Foers grafisch und erzählerisch weit schweifendem Roman die Position des Kindes herauspräpariert: Oskar und wie er die Welt erklärt. Und am Ende erscheint das Chaos, das 9/11 hinterlassen hat, erstaunlich gütig geordnet. Regisseur Daldry entwirft diese kindliche Kosmologie mit melodramatischem Nachdruck. Es ist, als wolle er fragen: Schaust Du noch, oder heulst Du schon?
Diesem sentimentalen Impetus stellt sich der kleine Thomas Horn energisch entgegen. Er macht nicht nur Tom Hanks als Bilderbuch-Papa und Sandra Bullock als wachende Mutter zu Edel-Statisten. Er verleiht Oskar vor allem eine irrlichternde Energie, die Ängste und Obsessionen des Jungen auf beängstigende Weise belebt. Da kann nur der für einen Nebenrollen-Oscar nominierte Maximilian Schell mithalten: Als vom Bombenkrieg in Dresden traumatisierter Eremit, der die Sprache verloren hat, folgt er dem getriebenen Kind durch die Stadt. Das Schweigen des Alten ist heilsam - für Oskar und für den Film.

Ab zwölf Jahren.

Mehr dazu auf wwws.warnerbros.de.


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16.02.2012 - 16:05 Uhr


Dies ist zwar kein Western, aber wahrlich eine Pferdeoper: Bläserdonner und Streicherschmelz mischen sich über den südwestenglischen Feldern von Devon zur sinfonischen Hymne auf ein heißblütiges Fohlen, das auf dem Hof des stolzen Trunkenbolds Ted Narracott (Petter Mullan) unter den Motivationsmonologen seines Sohnes Albert (Jeremy Irvine) zur Brown Beauty heranwächst. Doch kaum haben der junge Pferdeflüsterer und sein Hengst ein Geröllfeld gepflügt, zwingt eine Missernte die Familie dazu, ihren schnaubenden Stolz an die Armee zu verkaufen.
Das vierzigminütige Vorspiel zum Kriegsfilm ist altmodisches Bauerntheater mit matronenhafter Mutter (Emily Watson) und arrogantem Landlord (David Thewlis). Der Erste Weltkrieg zieht dann als apokalyptische Revue für das Ross und seine Reiter vorbei. "Joey" wird für die gute alte Kavallerie gesattelt, um in den Maschinenkrieg zu galoppieren, muss für die deutsche Artillerie Kanonen ziehen, prescht durch Schützengräben, springt über Panzer und verheddert sich schließlich zwischen Granattrichtern in den Stacheldrahtverhauen des Niemandslandes.
Leichen pflastern sein Geläuf: Das brave Pferd trägt einen ritterlichen Offizier (Tom Hiddleston), der mit dem Säbel gegen Maschinengewehrnester stürmt, und einen jungen deutschen Deserteur (David Kross), der seinen jüngeren Bruder retten will, und deshalb vors Exekutionskommando kommt. Das Grauen streift hier nur vorbei, beim Sterben schaut die Kamera weg.
Spielberg, der im Weltkriegsdrama "Der Soldat James Ryan" den Terror des Krieges für den Zuschauer zur fast schon körperlichen Erfahrung machte, verklärt lieber die Tierliebe als Charakterzug, der Freund und Feind vereint. Da ist das französische Mädchen, das "Joey" kurz für sich gewinnt, dann aber sein Land-Idyll mit Großvater und Erdbeerkorb an den Krieg verliert; da ist der Kanonenkutscher, der Mitleid hat mit den geschundenen Kreaturen; und da sind vor allem zwei Soldaten, die zwischen den Fronten über der Rettung von "Joey" fraternisieren, bevor es in Stahlgewitter und Gasnebel wieder ans große Sterben geht.
Während der Roman aus der Perspektive des Pferdes erzählt ist und in der Bühnenfassung ein Puppenspiel zu sehen ist, setzt Steven Spielberg melodramatisch auf einen naiven Naturalismus, vermenschlicht "Joey" als heldenhaften Kameraden. Wo sonst in seinen Filmen verlassene Kinder auftauchen, erzählt der Regisseur hier die Geschichte vom verlorenen Gaul. Was als Kriegstierschutz gemeint sein mag, kommt als donnernde Schlachtrossverherrlichung daher. Das wirkt, als wolle Spielberg dem Pferd eine Tapferkeitsmedaille umhängen.

Ab zwölf Jahren.

Mehr dazu auf www.gefährten-derfilm.de.


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16.02.2012 - 15:48 Uhr


Wo soll er bloß die Seele suchen? Faust (Johannes Zeiler) wühlt mit beiden Händen in einer Leiche. Doch außer Darmschlingen und Gekröse ist da nichts. Und die Totengräber kann der Doktor auch nicht bezahlen. Statt Erkenntnis hat er jetzt Schulden. Fausts Vater (Sigurd Skulasson) betreibt als Arzt Orthopädie auf der Streckbank und hat für seinen Sohn auch weder Geld noch Sinn übrig. Da kommt ihm der Wucherer gerade Recht, in dem hier der Teufel steckt.
Alexander Sokurows "Faust" hat bei den Filmfestspielen von Venedig 2011 den Goldenen Löwen errungen. Es ist das Schlussstück einer Tetralogie über das Wesen der Macht. Auf Hitler, Lenin und Kaiser Hirohito folgt nun also der urdeutsche Gelehrte, der Gott und die Welt begreifen will und sich deshalb mit dem Leibhaftigen verbündet. Sokurow fasst die Geschichte vor der monochrom grau-grünen Kulisse eines mittelalterlichen Städtchens ins annähernd quadratische Format alter Stummfilme.
So freundlich sich der Russe vor Friedrich Wilhelm Murnaus "Faust"-Klassiker von 1926 verneigt, so frei springt Drehbuchautor Juri Arabow mit der Vorlage um. Faust ersticht Gretchens Bruder schon in Auerbachs Keller, dafür wird der Teufelspakt erst gegen Ende geschlossen, was wiederum nicht Anfang, sondern Abbruch dieser eigentlich doch so großen Freundschaft wird. Faust flieht.
So recht befreiend wirkt sich der freie Zugriff auf den Stoff nicht aus. Dabei ist Anton Adassinskiy ein Mephisto, wie man ihn sich nur wünschen kann: ein verhasster Außenseiter, der dabei sein will; er hat eine pompös verwirrte Gattin (Hanna Schygulla) und stets Lust auf die Weiber. Unterm Rock aber hat der Teufel vorne nichts zu bieten, hinten nur ein Schwänzchen und dabei eine groteske Wellfleischfigur wie ein Dönerspieß auf Beinen, was er im Badehaus vor den Damen entblößt. "Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein", sagt dort der Teufel und stiehlt Faust auch bei Gretchen Zitat und Schau: "Schönes Fräulein…" Der Teufel blitzt damit bei ihr ab, und Faust taumelt ihr wortscheu nach.
Johannes Zeiler spielt die Titelfigur als schlaflosen Hagestolz, der dem blonden Bilderbuch-Gretchen (Isolda Dychauk) als Irrläufer und Mephisto als Mitläufer folgt - bis Gretchens Mutter vergiftet ist, die Dämonen durchs Fenster steigen und Faust in Rüstung fliehen muss in eine isländische Gletscher- und Geysir, Lava- und Wasserwelt von bergmanscher Mystik.
Das hat stets Atmosphäre, aber selten Zug. Mephisto ist Verführer, aber nicht Führer, und Faust weiß offenbar nicht recht, was er sucht. Seine Selbsterkenntnis stammt denn auch nicht von Goethe, sondern von Luther: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders." Anders als beim Reformator ist das aber nicht Ausdruck von Widerstand, sondern Eingeständnis der Ohnmacht. Zum Teufel mit diesem Faust.

Ab 16 Jahren.

Mehr dazu auf www.mfa-film.de.

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